Inklusion in Hamburg

Die Geburtsurkunde von 2009: Inklusionsbeschluss ohne Finanzierung

Die Hamburger Bürgerschaft beschloss im Oktober 2009 einstimmig, im Schulgesetz das uneingeschränkte Recht auf schulische Inklusion zu verankern.
Mit diesem Beschluss soll die UN-Konvention über die Rechte der Menschen mit einer Behinderung in Hamburg schulrechtlich umgesetzt werden.

Im selben Monat beschloss die Bürgerschaft, jährlich 35 Millionen Euro für das – später gescheiterte – Primarschulprojekt im Hamburger Haushalt einzuplanen.
Keine der Bürgerschaftsparteien kam auf die Idee, dass die Umsetzung der schulischen Inklusion ein sehr viel anspruchsvolleres Vorhaben ist und eine entsprechende konzeptionelle und finanzielle Planung sowie umfangreiche Ressourcen erfordert.
Wenige Monate später wurden die Mittel für die Primarschulreform annähernd verdoppelt, um die Klassenfrequenzen für die Jahrgänge 1-6 abzusenken. Noch immer wurde kein Euro für die Inklusion eingeplant.

Die anschließenden zwei Schuljahre wurden in Bezug auf die Inklusion von der Schulbehörde offiziell als pragmatische Jahre bezeichnet – ohne Konzeption und ausreichende finanzielle Grundlage.

Regierungsprogramm der SPD von 2011: Wie versprochen – so gebrochen

Im SPD-Regierungsprogramm von 2011 hieß es zum Thema Inklusion: „Dazu sollen nach dem Vorbild der seit Jahren erfolgreichen Integrationsklassen und der integrativen Regelklassen weitere Angebote geschaffen werden und deutlich mehr Sonderpädagogen an den allgemeinen Schulen unterrichten.“
Ein Jahr später beschloss die allein regierende SPD die vollständige Abschaffung der gut ausgestatteten Integrationsklassen und integrativen Regelklassen.

Bürgerschaftsbeschluss von 2012: Große Ziele bei massiven Kürzungen

2012 beschloss die Hamburger Bürgerschaft mit der Drucksache Inklusive Bildung an Hamburgs Schulen (1) eine konzeptionelle Grundlage, die eine inklusive Zielsetzung mit völlig unzureichenden Ressourcen verbunden hat. „Die Auskömmlichkeit der Förder-Ressourcen soll auch bei dem zu erwartenden Anstieg der Zahl inklusiv beschulter Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf gesichert sein.“(2) Mit Auskömmlichkeit ist gemeint, dass keine zusätzlichen Stellen für die Inklusion geschaffen werden, sondern das Hochwachsen der Inklusion durch Umverteilung und Kürzungen finanziert werden soll.(3)

Gegenüber den früheren Integrationsklassen und integrativen Regelklassen wurde die Personalzuweisung für SchülerInnen mit einer Behinderung um ein Drittel und für den Bereich LSE noch stärker gekürzt.

Schulische Integration 2017: Eine Bilanz mit Widersprüchen

Sieben Jahre nach der Verankerung der Inklusion im Schulgesetz ist die Bilanz widersprüchlich:

Viele Schulen haben sich mit großem Engagement auf den Weg gemacht, um ihren Unterricht und das Schulleben so zu verändern, dass das gemeinsame Leben und Lernen in Vielfalt für alle Kinder möglichst ertragreich ist. Aber die schlechten Rahmenbedingungen erschweren diese Entwicklung enorm.

Die Zahl der SchülerInnen an den speziellen Sonderschulen ist noch genauso hoch wie vor zwanzig Jahren, als die Zahl der Plätze in den Integrationsklassen begrenzt war.

Viele Eltern, die für ihr Kind mit einer Behinderung die schulische Inklusion wünschen, melden es trotzdem an einer speziellen Sonderschule an, wegen der unzureichenden Rahmenbedingungen in der Inklusion:

  • zu wenig Zeit für die multiprofessionellen Teams, um gemeinsam einen hochwertigen Unterricht zu planen, in dem alle SchülerInnen ihre Potentiale entwickeln können,
  • zu wenig Doppelbesetzung durch pädagogische Fachkräfte – stattdessen unqualifizierte Schulbegleiter,
  • kein ausreichendes Therapie- und Pflegeangebot,
  • fehlende Barrierefreiheit.

Unter solchen Bedingungen ist der Anspruch auf gute Inklusion schwer umsetzbar und es besteht die Gefahr, dass die Inklusion selbst einen schlechten Ruf bekommt und abgelehnt wird.

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